Schwindel:

20% aller Erwachsenen leiden gelegentlich unter Schwindel und Gleichgewichtsbeschwerden. Bei 30% der über 70-jährigen schränkt Schwindel die Alltagsaktivitäten ein und ist ein Grund für Arztbesuche. 70% der Altenheimbewohner klagen bei ihrem Hausarzt über Schwindel. Häufig kommen daher Patienten mit Schwindelerscheinungen in die Augenarztpraxis und der Fragestellung: “Liegt es womöglich an den Augen ?”

Was ist Schwindel ?

Schwindel ist ein Gefühl der Unsicherheit bezüglich der eigenen Lage. Man fühlt sich nicht im Gleichgewicht, meint zu schwanken, alles dreht sich. Der Fachausdruck “Vertigo” kommt aus dem Lateinischen und bedeutet “Umdrehung”.

Schwindel

Man unterscheidet systematischen Schwindel, der sich immer gleich anfühlt von unsystematischem Schwindel, der vom Patienten schwer zu beschreiben und nicht immer gleich ist. Der systematische Schwindel wird nach dem vorherrschenden Gefühl unterschieden in:

  • horizontaler Drehschwindel (Gefühl Karussell zu fahren, scheinbare Bewegung der Umwelt oder des eigenen Körpers)
  • Schwankschwindel (Schiffsdeckgefühl, Boden schwankt)
  • senkrechter Drehschwindel (Liftgefühl)
  • Benommenheitsschwindel (ohne Bewegungsillusion)

Neben der oben aufgeführten Einteilung nach dem vorherrschenden Gefühl des Betroffenen kann man Schwindel auch nach dem Auslöser unterscheiden:

  • Lagerungsschwindel (Schwindel bei Lagerungsänderungen)
  • Orthostatischer Schwindel (bei raschem Aufrichten, oft als Benommenheitsschwindel mit Schwarzwerden vor den Augen)
  • Reizschwindel (äußere Reize wie Achterbahnfahren und Schiffsreisen)
  • Phobischer Schwankschwindel (in bestimmten äußeren Situationen meist bei Angsterkrankungen, die zweithäufigste Diagnose in Schwindelambulanzen)
  • Psychogener Schwindel

Schwindel kann weitere Reaktionen des Körpers hervorrufen, wie Gangunsicherheit, Übelkeit, Erbrechen, Herzrasen, Schweißausbrüche und Ohnmacht. Die Unterscheidung in die verschiedenen Arten des Schwindelgefühls und der auslösenden Situationen ist wichtig, da sie gleichzeitig die möglichen Ursachen eingrenzt. Der Schwindel ist nämlich keine Krankheit sondern nur ein Symptom, sprich ein Zeichen für ein anderes Problem.

Wie entsteht Schwindel ?

Das Gleichgewichtssystem des Menschen besteht aus folgenden Bestandteilen:

  • dem Gleichgewichtsorgan im Innenohr (zeigt die Lage im Raum an),
  • Rezeptoren in den Muskeln und Sehnen, den Gelenken, an den Fußsohlen und auf der Haut (nehmen Druck, die Position der Gelenke oder einen Luftzug wahr und melden dem Gehirn Haltung und Bewegung des Körpers)
  • den Informationen über das Auge (das Stillstehen oder die Art der Bewegung wird gesehen)
  • der gemeinsamen Verarbeitung im Gehirn im Gleichgewichtszentrum (4 Vestibulariskerne), das die Informationen aus den jeweiligen Steuerzentren dieser anderen Einzelsysteme zusammenfasst und verarbeitet.

So wissen wir jederzeit in welcher Stellung und Lage wir uns befinden bzw. wie wir uns bewegen. Gibt es jedoch Widersprüche in den Informationen aus diesen verschiedenen Quellen, entsteht ein Schwindelgefühl. Deswegen tritt der Schwindel auch gerne nach plötzlichen Stellungswechseln wie dem Verlassen eines Karussels, beim schnellen Hinlegen, schwungvollem Aufstehen oder Kopfwendungen im Bett auf. Er kann dann Sekunden oder aber auch mal mehrere Stunden dauern. Sind die Steuerzentren oder die Verbindungen zu den Steuerzentren gestört bzw. einzelne Sensoren beschädigt (z.B. das Innenohr mit dem Gleichgewichtsorgan), fällt die Verarbeitung im Gleichgewichtszentrum natürlich auch schwer und Schwindel entsteht.

Was sind nichtkrankhafte Schwindelursachen ?

Bei den Schwindelerscheinungen, die nicht durch krankhafte Beschädigung eines dieser Systeme (s.u. medizinische Ursachen) hervorgerufen werden, handelt es sich in der Regel um “Bewegungskrankheiten (Kinetosen). Hier meldet eines der Organe Stillstand und eines Bewegung. Dadurch kommt die “Schaltzentrale” durcheinander, aktiviert das vegetative Nervensystem und dem Betroffenen wird schwindelig und übel, er wird blass, bekommt Schweißausbrüche und muß sich evtl. sogar erbrechen.

Die bekannteste Kinetose ist die Seekrankheit. In einer Schiffskabine nehmen die Augen zum Beispiel keine Bewegung war, das Gleichgewichtsorgan meldet aber Schwanken. Als Reisekrankheit bezeichnet man dies, wenn es beim Lesen im Auto, Fahren im Zug oder bei unruhigem Flug mit Turbulenzen auftritt. Vergleichbar sind auch die Situationen im Flugsimulator, beim Computerspielen oder im 3-D-Kino (s.u.).

Auch unter die Kinetosen fällt die noch relativ unbekannte Skikrankheit. Bei schlechter Sicht beim Skifahren, wenn man die Piste kaum vom weißen Dunst, Schneefall oder Himmel unterscheiden kann, scheint der Berg plötzlich wie ein Schiff zu schwanken, Schneemassen schieben sich neben oder unter dem Skifahrer vorbei und es kommt zu Schwindel, Übelkeit und Erbrechen. Skikrank ist sozusagen wie reisekrank in den Bergen. Zwar nimmt das Gleichgewichtsorgan im Innenohr die Schwünge des Skifahrers wahr, die Augen aber melden wegen der schlechten Sicht Stillstand. Hinzu kommt, daß unser drittes Bewegungsmeldesystem, die Sensoren auf der Haut und in den Gelenken, durch Skischuhe und dicke Kleidung quasi wie gedämpft ist und von hier auch keine aussagekräftigen Informationen an das Gleichgewichtssystem gesendet werden.

Was sind die medizinischen bzw. krankhaften Ursachen ?

Hier ist eines oder mehrere der Teile des Gleichgewichtssystems beschädigt.

Beim systematischen Schwindel wird durch eine Erkrankung (z.B.Multiple Sklerose, Tumore) oder Verletzung wie z.B. eine Felsenbeinfraktur (der Teil des knöchernen Schädels der neben dem Ohr sitzt) bzw. ein Schleudertrauma oder giftige Einflüsse (z.B. bestimmte Antibiotika, Alkohol, Drogen) aber auch Durchblutungsstörungen (jeder dritte Patient mit Hörsturz hat auch Schwindel) oder Hirnblutungen das Gleichgewichtssystem selbst beschädigt oder gestört. Entzündungen, altersbedingter Abbau (Degenerationen)und zu viel Flüssigkeit im Innenohr, sind weitere Möglichkeiten das Gleichgewichtsorgan selbst zu schädigen..

Beim unsystematischen Schwindel können Herzkreislauferkrankungen (z.B. zu niedriger aber auch zu hoher Blutdruck, Herzschwäche, Herzrhythmusstörungen, Gefäßverkalkungen), Epilepsie, Augenerkrankungen, Probleme mit der Halswirbelsäule (vertebragener Schwindel), Migräne aber auch psychische Erkrankungen (z.B. Psychosen, Angstzustände, Höhenangst) die Ursache sein. (Anm.: das englische Wort “vertigo” bedeutet übrigens sowohl Schwindel als auch Höhenangst)

Wodurch können die Augen verantwortlich für Schwindel sein ?

Sind die Augen die Ursache spricht man von okulärem Schwindel. Dies kann durch nicht oder falsch ausgeglichene Sehfehler, schlechtes Sehen z.B. bei Grauem Star, in der Gewöhnungsphase an eine neue Mehrstärkenbrille und vor allem durch neu aufgetretenes Schielen z.B. bei Augenmuskellähmungen kommen. Dadurch, daß das Gleichgewichtszentrum mit mehreren Verarbeitungszentren der Augen z.B. für die Steuerung der Blickbewegungen und des Sehens verbunden ist, wirken sich Fehlfunktionen im Bereich des Sehens deutlich destabilisierend aus. Die Skikrankheit (s.o.) z.B. tritt bei Personen mit Sehfehlern viel häufiger auf. Der okuläre Schwindel ist allerdings selten. Meist liegt die Ursache im Innenohr oder im Nervensystem..

Gibt es Augenprobleme durch Schwindel verursachende Erkrankungen ?

Innenohrprobleme führen bei der bilateralen Vestibulopathie (Innenohrschaden meist durch Medikamente) z.B. umgekehrt zu Sehstörungen. Neben einem Schwankschwindel in Bewegung treten hier Bildverwackelungen bei Kopfbewegungen (Oszillopsien) auf.

Typische Sehstörungen kann es bei der vestibulären Migräne geben.Hier kommt es zu wiederkehrenden, Minuten bis Stunden anhaltende Attacken von Drehschwindel, der sich bei körperlicher Aktivität verstärkt. In über 60% geht es mit Kopfschmerz und/oder Licht- oder Lärmempfindlcihkeit einher. Die meisten dieser Patienten leiden zusätzlich unter einer Migräne mit oder ohne Aura, d.h. Sehstörungen. Der Schwindel tritt aber bei der vestibulären Migräne nicht als ankündigendes Symptom wie die Sehstörung bei der Migräne auf.

Was soll ich bei Schwindel tun ?

Nach Kopfschmerzen ist der Schwindel die zweithäufigste und jenseits der 75 sogar die häufigste Ursache für Arztbesuche. Bei einer plötzlichen starken Schwindelattacke, die man sich nicht erklären kann, sollte man sofort eine Notfallambulanz aufsuchen. Es kann auch mal ein Schlaganfall dahinter stecken.

Wenn der Schwindel nach Neuanpassung einer Brille auftritt, sollte man zunächst zum Augenarzt gehen. Verdächtig ist es auch, wenn bei Abdecken von einem Auge, der Schwindel weg ist..

Bei den Kinetosen (s.o.) kann man mit Medikamenten gegen Reiseübelkeit eine Linderung erreichen bzw. bei allen Formen, bei denen das Auge Bewegung registriert und der Körper meint, es findet keine statt, sich auf einen festen Punkt in der Landschaft konzentrieren.

Bei allen anderen Formen sollte man zunächst zum Hausarzt und dann ggf zum Neurologen Halsnasenohrenarzt, Orthopäden oder Herzspezialisten. Findet sich hier keine ausreichende Erklärung, ist auch immer eine Untersuchung beim Augenarzt sinnvoll. Insgesamt muß man aber sagen, daß Augenerkrankungen in den seltensten Fällen die Ursache für Schwindel sind. Aufgrund der Kompliziertheit der Zusammenhänge können häufig nur mehrere Fachgebiete zusammen der Ursache auf den Grund gehen und es existiert sogar spezielle Schwindel- und Gleichgewichtszentren (s.u.)

Bei Gangunsicherheit sollte man sich trotzdem regelmäßig bewegen und ggf. unter Betreuung, z.B. eines Physiotherapeuten, genau jene Bewegungen trainieren, bei denen Schwindel auftritt, um mit anderen Sinnen, die eingeschränkte Funktion des Gleichgewichtsorgans auszugleichen.

Mir wird schwindelig und übel bei 3-D-Filmen und und 3-D-Videospielen

Der Widerspruch zwischen durch die Augen gemeldeter rasanter Bewegung und dem vom Gleichgewichtsorgan im Innenohr gemeldeten Ruhezustand (ich sitze ja ganz ruhig) kann zu Schwindel und Übelkeit führen. Im Kino sollte man bei 3-D-Filmen in der Mitte und mehr hinten sitzen und bei Problemen mehr auf ruhigere Bildteile achten. Beim 3-D-Vidospiel ist die 3-D-Krankheit- wie das Phänomen auch genannt wird - ein Grund sich lieber 2-D-Spiele anzusehen. Zum Dreidimensionalen Sehen siehe auch unter 3-D-Sehen.

Ich bin in letzter Zeit häufig gestürzt und fühle mich unsicher beim Gehen, liegt das an Schwindel ?

Viele ältere Patienten kommen wegen “Schwindel” zum Arzt. Schwindel und Gangunsicherheit darf man jedoch nicht verwechseln. Zwar kann man durch Schwindelerscheinungen gangunsicher werden und stürzen aber in vielen Fällen handelt es sich um andere Ursachen, die zu Gangunsicherheit führen. Hierunter fallen nachlassende Muskelkraft vor allem in den Beinen und Füßen, Gelenkschäden mit schmerzvermeidungsbedingt unsicherem Gang, Sehschwächen, Gang- und Balancestörungen, zu Sturzneigung führende Krankheiten (Morbus Parkinson, Depression, Zustand nach Schlaganfall, niedriger Blutdruck, etc.) und bestimmte Medikamente (Benzodiazepine, Neuroleptika, Antidepressiva und Blutdrucksenker). Mit zunehmendem Alter nimmt die Gangunsicherheit und damit die Sturzhäufigkeit zu. Ein Drittel der über 65-jährigen stürzen mindestens einmal im Jahr. Bei den 80-89-jährigen ist dies schon bei 40-50% der Fall und bei den über 90-jährigen deutlich über 50%.

Schwindel und Gangunsicherheit im Alter:

Eingeschränkte Mobilität und Stürze sind die Hauptfaktoren für eine reduzierte Lebensqualität im Alter. Dabei sind Schwindel und Gangunsicherheit keine Begleiterscheinungen des normalen Alterns, sondern weisen auf bestimmte Funktionsstörungen des Körpers hin. Im Alter bestehen hier meist Defizite in mehreren Bereichen. Meist ist es eine Kombination von Störungen an Muskeln (Schwäche und Abbau), Gelenken (Schmerzen und Schäden), Nerven (verringerte Sensibilität und Aktivität bei Polyneuropathie) und beeinträchtigter Hirnfunktion( z.B. Demenz und damit fehlende Fähigkeit durch Konzentration die Defizite auszugleichen). Diese müssen genau diagnostiziert und anschließend - soweit möglich - gezielt behandelt werden. Allein durch Krafttraining, Gleichgewichtstraining (z.B. Tai Chi), Koordinationstraining und Konzentrationstraining kann hier schon viel kompensiert werden.

Was bedeutet es, wenn die Gangunsicherheit zunimmt wenn ich die Augen schließe ?

Hier hilft offensichtlich das Sehen bei der Gangkontrolle, um andere aufgetretene Schwächen im Gleichgewichtssystem auszugleichen. Ursache können Erkrankungen des Kleinhirns, Durchblutungsstörungen (vaskuläre Enzephalopathie) und auch Empfindungsstörungen (Polyneuropathie) sein.

Spezialzentrum bei Schwindel:

Zitat:

Coco Chanel: “Alt werden ist anstrengend aber man bedenke die Alternative”

Weitergehende Informationen im Internet:

(Stand 21.12.2018)