Viele verschiedene Erkrankungen können den Sehnerven (Nervus opticus) und damit die Weiterleitung der Informationen von der Netzhaut des Auges zum Sehzentrum im Gehirn (vergleiche Sehvorgang) beeinträch- tigen. In der Regel machen diese Erkrankungen keine Schmerzen und führen zu einer plötzlichen bis langsa- men Sehverschlechterung bzw. zu Gesichtsfeldausfällen. Das Herausfinden der jeweiligen Ursache kann kompliziert und langwierig sein. In manchen Fällen kann auch nur der Schaden festgestellt werden und weder die genaue Ursache noch eine erfolgreiche Therapie lassen sich finden.

Was können die Ursachen sein ?

Da sind einmal angeborene Veränderungen oder Mißbildungen. In diesen Fällen kann man in der Regel nichts machen. Beispiele sind das Optikuskolobom - in diesem Fall ist ein Teil des Sehnerven beim Em- bryo garnicht gebildet worden - oder die Drusenpapille, hier finden sich Verkalkungen im Sehnervenkopf, die im Laufe des Lebens zu Gesichtsfeldausfällen führen können.

Gut- und bösartige Tumore in der Augenhöhle oder entlang des Sehnervenverlaufs im Gehirm, können im Laufe des Lebens den Sehnerven schädigen. Hier muß geklärt werden um welche Form es sich handelt und ob z.B. eine Operation Aussicht auf Verbesserung bringt. Bei Operationen im Schädelbereich stellt sich na- türlich immer die Frage, wieviel mache ich eigentlich kaputt um an den Tumor zu kommen ? Beispiele für Tumore im Augenhöhlenbereich sind das Optikusgliom - hier ist die Erblindung durch Operation manchmal aufzuhalten - oder das Optikusscheidenmeningeom, das trotz Bestrahlung häufig zur Erblindung führt. Inner- halb des Schädels kommen das Keinbeinmenigeom und Tumore im Bereich der Sehnervenkreuzung häufig als Ursache in Frage.

Verletzungen des Sehnerven - meist bei Knochenbrüchen im Kopfbereich - sind in der Regel nicht repa- rabel, da man den Sehnerven nicht wieder zusammennähen kann, bzw er durch Quetschung dauerhaft ge- schädigt ist. Glück hat man, wenn nur eine druckbedingte vorübergehende Schwellung des Sehnerven ent- steht, dann kann die Leistungsfähigkeit evt. nach einiger Zeit wiederkommen. Helfen kann hier eine Corti- sonbehandlung zum Abschwellen oder eine operative Druckentlastung (Dekompression).

Je nach Diagnose hoffnungsvoller sind da schon die erworbenen Erkrankungen des Sehnervs. Diese sind meist entzündlicher Natur oder beruhen auf Durchblutungsstörungen. Der häufigste Grund für eine Schä- digung des Sehnervens bzw. seiner Mündung in das Auge ist der Grüne Star. Es gibt aber auch Neben- wirkungen bzw. Vergiftungen durch eingenommene Medikamente oder andere (toxische = giftige) Stoffe, die den Sehnerv schädigen können. Die wichtigsten Erkrankungsgruppen werden im folgenden dargestellt:

1. Die Sehnervenentzündung (Neuritis optica):

Die Ursache ist häufig unklar. In 30% der Fälle liegt eine Multiple Sklerose (MS) vor. Aber auch Viren, Bak- terien oder generelle Infektionen können dazu führen. In der Regel ist das Problem einseitig. Im Fall einer MS, entzündet sich der Sehnerv hinter dem Auge (Retrobulbärneuritis). Daher kann man bei Betrachtung des Sehnervenkopfes nichts erkennen (“Der Patient sieht nichts und der Arzt auch nicht”). Es liegt ein leichter Bewegungsschmerz des Auges vor und es kommt zu einer fortschreitenden Sehverschlechterung in- nerhalb 1-2 Wochen evtl. bis zur Erblindung. Danach tritt jedoch meist über Wochen bis Monate eine langsame Erholung bis evt. zum Originalzustand ein. Bewiesen werden kann die Entzündung mit einer Mes- sung der Nervenfaserleitgeschwindigkeit (VECP). Durch die Entzündung leitet der Sehnerv langsamer die Information ins Gehirn. Bei der Netzhautuntersuchung sichtbar aber untypisch für die MS, ist die Entzün- dung des Sehnervenkopfes, Papillitis genannt. Die Behandlung bei Sehnervenentzündungen ist eine hoch- dosierte Cortisongabe, so kommt es häufig zu einer gewissen Erholung der Funktion, wenn sie rechtzeitig einsetzt. Näheres zur multiplen Sklerose auch unter www.dmsg.de

2. Sehnervenstau (Stauungspapille):

Es handelt sich um eine Schwellung des Sehnervenkopfes. Grund ist nicht eine Erkrankung des Sehnerven, sondern eine Ansammlung von Flüssigkeit in den Sehnervenhüllen. In 90% entsteht dies durch erhöhten Hirndruck - also Druck im Schädel - und ist beidseitig. Da der Sehnerv nur ein “Anhängsel” des Gehirns ist, pflanzt sich hoher Druck im Gehirnbereich bis in den Sehnerven fort. Deswegen kann man auch bei der Untersuchung der Netzhaut und des im Auge sichtbaren Sehnervenkopfes (Mündung des Sehnerven in das Auge, auch Papille genannt) mit der Lupe (s. Netzhautuntersuchung) den Verdacht auf erhöhten Hirn- druck erheben. In über 60% der Fälle ist dies der Hinweis auf einen Hirntumor, da dieser durch sein Wachs- tum den Druck im Schädel erhöht. In den restlichen Fällen handelt es sich um Blutungen, Entzündungen u.ä. im Gehirn und erfordert eine genaue Diagnostik zur Ursachenfindung. Meist ist anfänglich die Sehschärfe noch gut, da es dem Sehnerv selbst “noch gut geht”. Nach Monaten erfolgt dann jedoch ein langsames Ab- sterben des Sehnerven, das sich durch Gesichtsfeldveränderungen bemerkbar macht. Wird jetzt der Sehnerv nicht schleunigst von seinem Druck entlastet, sind die Schäden nicht mehr zu “reparieren” und Er- blindung tritt ein. Das Problem für den Patienten ist, daß diese Frühstadien in der Regel schmerzfrei ver- laufen und wenn nicht andere Probleme von Seiten des Gehirns auftauchen, die Diagnose ein Zufallsbefund ist.

3. Sehnerveninfarkt (Apoplexia papillae, anteriore ischämische Optikusatrophie bzw. AION):

Durch den Verschluss einzelner den Sehnervenkopf versorgender Arterien kommt es zu einer plötzlichen, schmerzlosen und einseitigen Sehverschlechterung auf 5-50% des normalen Sehvermögens und Ausfällen im Gesichtsfeld. Ursächlich ist also eine plötzliche Durchblutungsstörung, meist im Rahmen eines Bluthochdrucks oder einer Arterienverkalkung. Der Schaden ist leider meist nicht wieder gut zu machen. Die zu Grunde liegende Ursache muß wenn möglich behandelt werden (blutdrucksenkende und blutver- dünnende Medikamente), da in 25% der Fälle im weiteren Verlauf am anderen Auge das gleiche auftreten kann.

4. Arteriitis temporalis

Durch eine Entzündung von bestimmten Blutgefäßen im Kopf kommt es zu einer Durchblutungsstörung des Sehnerven. Eine plötzliche einseitige Erblindung tritt bei meist über 70-jährigen Patienten auf. Typisch ist eine schmerzhafte Schläfenregion und eine sehr hohe Blutsenkungsgeschwindigkeit. Die Therapie ist hoch dosiertes Cortison. Dem betroffenen Auge hilft das häufig wenig aber die große Gefahr ist ein Befall des anderen Auges mit Erblindung. Durch gut abgestimmte Therapie kann die Sehkraft des zweiten Auges fast immer erhalten werden.

5. Optikusatrophie:

Langsam stirbt der Sehnerv ab. Erkennbar ist dies an einer Sehverschlechterung und einem immer blas- ser werdenden Sehnervenkopf (Papille) in der Netzhautuntersuchung. Die Ursachen können sein: Druck auf den Sehnerv durch Tumore oder Blutungen, Schädelbrüche, Syphillis, Durchblutungsstörungen des Seh- nervs, Gifte (Blei, Arsen, Thallium, Alkohol etc.), Leukämie, Mangelernährung etc. Die Liste ist leider sehr lang und frühes Erkennen wichtig, da die Schäden dauerhaft sind.

6. Glaukomschaden:

So nennt man die Schädigung durch den Grünen Star.

(Stand 05.01.2012)